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Das Gegenteil von Sucht ist nicht Nüchternheit – es ist Verbindung

Was Johann Haris revolutionäre Erkenntnis für unsere Gewohnheiten bedeutet
3 January 2026 by
Das Gegenteil von Sucht ist nicht Nüchternheit – es ist Verbindung
Ralph Wieser

Es ist einer dieser Sätze, die einen nicht mehr loslassen. Ein Satz, der alles verändert, was wir über Sucht, Depression, schlechte Gewohnheiten und menschliches Verhalten zu wissen glaubten:
«Das Gegenteil von Sucht ist nicht Nüchternheit. Das Gegenteil von Sucht ist Verbindung.»


Dieser Satz stammt von Johann Hari, einem britischen Journalisten, dessen TED-Talk «Alles, was du über Sucht zu wissen glaubst, ist falsch» über 62 Millionen Mal angesehen wurde. Seine Bücher «Chasing the Scream» (deutsch: «Drogen: Die Geschichte eines langen Krieges») und «Lost Connections» (deutsch: «Der Welt nicht mehr verbunden») haben die internationale Debatte über Sucht und Depression grundlegend verändert.

Aber was hat das mit dir zu tun? Mit deinen Gewohnheiten? Mit deinem Alltag? Mehr als du denkst.

Das Rattenparkexperiment: Was Wissenschaftler übersehen hatten

Jahrzehntelang glaubten wir, Sucht sei eine Frage der Substanz. Du nimmst Heroin, dein Körper wird abhängig, du bist süchtig. Ende der Geschichte. Diese Überzeugung basierte auf Experimenten aus den 1970er-Jahren: Ratten wurden in Käfige gesetzt, mit zwei Wasserflaschen – eine mit normalem Wasser, eine mit Heroin- oder Kokainwasser. Die Ratten wählten fast ausnahmslos das Drogenwasser und tranken sich buchstäblich zu Tode.

Fazit der Wissenschaft: Drogen machen süchtig. Punkt.

Dann kam der kanadische Psychologe Bruce Alexander und stellte eine einfache Frage: Was, wenn das Problem nicht die Droge ist – sondern der Käfig?

Alexander baute den «Rat Park» – ein Rattenparadies mit Spielzeug, Tunneln, gutem Futter und vor allem: anderen Ratten. Hier konnten die Tiere spielen, kämpfen, sich paaren, interagieren. Auch im Rattenpark gab es beide Wasserflaschen.

Das Ergebnis war verblüffend: Die Ratten im Rattenpark tranken 75 Prozent weniger Drogenwasser als die isolierten Ratten. Keine einzige starb an einer Überdosis. Selbst Ratten, die vorher isoliert und drogenabhängig gewesen waren, hörten auf zu trinken, sobald sie in den Rattenpark kamen.

«Sucht ist eine Anpassung. Es liegt nicht an dir. Es liegt an deinem Käfig.» – Bruce Alexander


Johann Haris persönliche Reise

Johann Hari wuchs mit Sucht in seiner Familie auf. Eine seiner frühesten Erinnerungen ist der Versuch, einen Verwandten aufzuwecken – und es nicht zu schaffen. Als Teenager begann er selbst, Antidepressiva zu nehmen. Man sagte ihm, sein Problem sei ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn.

Jahre später, ausgebildet in Sozialwissenschaften und getrieben von seiner eigenen Geschichte, machte er sich auf eine dreijährige, 50.000 Kilometer lange Reise um die Welt. Er wollte verstehen: Was verursacht Sucht wirklich? Und was löst sie?

Was er fand, erschütterte alles, was er zu wissen glaubte.


Die wahren Ursachen: Neun verlorene Verbindungen

In seinem Buch «Lost Connections» identifiziert Hari neun Ursachen für Depression und Angst – und die meisten davon haben nichts mit der Chemie in unserem Gehirn zu tun. Sie haben mit der Art zu tun, wie wir heute leben:

1. Verlorene Verbindung zu sinnvoller Arbeit
Arbeit, die keinen Sinn ergibt, die monoton ist, bei der wir keine Kontrolle haben – sie macht krank. Studien zeigen: Je weniger Autonomie Menschen bei der Arbeit haben, desto höher ist ihr Risiko für Depression.

2. Verlorene Verbindung zu anderen Menschen
Einsamkeit ist nicht nur unangenehm – sie ist biologisch gefährlich. Unser Gehirn interpretiert Einsamkeit als Bedrohung und reagiert mit chronischem Stress. Wir sind soziale Wesen; ohne echte Verbindung verkümmern wir.

3. Verlorene Verbindung zu bedeutsamen Werten
Wir leben in einer Kultur, die extrinsische Werte fördert – Status, Geld, Aussehen. Aber diese Werte machen nicht glücklich. Intrinsische Werte – Liebe, Gemeinschaft, persönliches Wachstum – sind es, die uns erfüllen.

4. Verlorene Verbindung zur Kindheit
Traumatische Kindheitserlebnisse – emotionaler, körperlicher oder seelischer Schmerz – hinterlassen tiefe Spuren. Studien zeigen: Menschen mit Kindheitstraumata haben ein fünfmal höheres Risiko, an Depressionen zu erkranken.

5. Verlorene Verbindung zu Status und Respekt
Das Gefühl, wertlos zu sein, nicht respektiert zu werden, am unteren Ende der Hierarchie zu stehen – es zermürbt. Nicht Armut an sich macht depressiv, sondern das Gefühl der Scham und Demütigung.

6. Verlorene Verbindung zur Natur
Wir verbringen 90 Prozent unserer Zeit in Innenräumen. Aber unser Gehirn ist für das Leben in der Natur gemacht. Studien belegen: Zeit im Grünen senkt Cortisol, verbessert die Stimmung und reduziert depressive Symptome.

7. Verlorene Verbindung zu einer hoffnungsvollen Zukunft
Wenn wir keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben, wenn wir uns in einer Sackgasse fühlen – dann verlieren wir den Antrieb. Hoffnungslosigkeit ist einer der stärksten Prädiktoren für Depression.


Der Zusammenhang zwischen Sucht und schlechten Gewohnheiten

Jetzt kommt der entscheidende Punkt: Was für schwere Drogenabhängigkeit gilt, gilt auch für alltägliche Gewohnheiten.
Warum greifst du abends zur Schokolade? Warum scrollst du stundenlang durch Social Media? Warum fällt es dir so schwer, Sport zu machen, obwohl du weisst, dass er dir guttut?

Hari erklärt es so:
«Wenn wir glücklich und gesund sind, verbinden wir uns mit anderen Menschen. Aber wenn wir das nicht können – weil wir traumatisiert, isoliert oder vom Leben niedergeschlagen sind – dann verbinden wir uns mit etwas, das uns Erleichterung verschafft. Das kann Glücksspiel sein, Pornografie, Kokain, Cannabis – oder auch dein Smartphone. Du wirst dich mit irgendetwas verbinden, denn das ist unsere Natur als Menschen.»

Schlechte Gewohnheiten sind also keine Charakterschwäche. Sie sind Bewältigungsstrategien für ein tieferes Problem: fehlende Verbindung.

Das Beispiel Portugal: Was passiert, wenn man Verbindung schafft
Im Jahr 2001 hatte Portugal eines der schlimmsten Drogenprobleme Europas. Dann trafen sie eine radikale Entscheidung: Sie entkriminalisierten alle Drogen. Aber das war nicht alles. Sie investierten massiv in Programme, die eines zum Ziel hatten: Süchtige wieder mit der Gesellschaft zu verbinden.
Statt Gefängnis gab es Therapie. Statt Bestrafung gab es Unterstützung bei der Jobsuche, Wohnungshilfe, Gemeinschaftsprogramme. Der Staat half Menschen, wieder Teil des «Rattenparks» zu werden.

Das Ergebnis: Der Drogenkonsum ging zurück. Die Zahl der Drogentoten sank. Die Zahl der HIV-Infektionen durch Nadeln brach ein. Verbindung wirkt.

Was bedeutet das für deine Gewohnheiten?

Wenn Hari recht hat – und die Wissenschaft spricht stark dafür –, dann reicht es nicht, einfach nur «aufzuhören». Nicht mit dem Rauchen, nicht mit dem Snacking, nicht mit dem endlosen Scrollen.

Die Frage ist nicht: «Wie höre ich auf?»
Die Frage ist: «Womit verbinde ich mich stattdessen?»

Verbindung zu dir selbst
Gabor Maté, ein Arzt, der sein Leben der Suchtforschung gewidmet hat, sagt: «Die Grundlage jeder Sucht ist nicht das, was du schluckst oder injizierst – es ist der Schmerz, den du in deinem Inneren fühlst.» Oft ist dieser Schmerz eine Trennung von uns selbst – von unseren echten Bedürfnissen, unseren Gefühlen, unseren Werten.
Gewohnheiten, die funktionieren, beginnen mit Selbstwahrnehmung. Nicht mit Selbstkritik.

Verbindung zu anderen
Das Rattenparkexperiment zeigt: Isolation ist toxisch. Menschen in Gemeinschaft sind widerstandsfähiger. Das bedeutet nicht, dass du ständig unter Leuten sein musst – aber du brauchst echte, tiefe Verbindungen. Menschen, die dich sehen, verstehen, unterstützen.

Verbindung zu Sinn
Warum willst du diese Gewohnheit ändern? Nicht «weil man das so macht» oder «weil es gesund ist» – sondern: Was bedeutet es für dich persönlich? Welche Version von dir selbst willst du werden? Welche Werte lebst du damit?


Wie Yeap diesen Ansatz umsetzt

Die Yeap App wurde nicht entwickelt, um dich zu kontrollieren oder unter Druck zu setzen. Sie wurde entwickelt, um Verbindung zu schaffen – auf mehreren Ebenen.

Verbindung zur Gemeinschaft
Yeap ermöglicht es dir, deine Fortschritte mit Familie, Freunden oder deinem Team zu teilen. Nicht als Kontrollmechanismus – sondern weil Verbindung heilt. Wenn andere Teil deiner Reise werden, wird die Reise leichter. Du bist nicht mehr allein in deinem «Käfig».

Verbindung zu dir selbst: Das Life-Wheel
Das Life-Wheel in Yeap macht sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt: die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Lebensbereichen. Wo fehlt Balance? Wo steckst du fest? Wo blühst du auf? Diese Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Verbindung mit dir selbst.

Verbindung zu Sinn: Action Books
Die Action Books in Yeap übersetzen Expertenwissen in konkrete Micro-Habits. Aber mehr als das: Sie helfen dir zu verstehen, warum du tust, was du tust. Sie verbinden deine täglichen Handlungen mit grösseren Zielen und Werten.

Die Phoenix-Mechanik: Rückschläge als Teil der Geschichte
Johann Hari betont: Sucht ist eine Anpassung an Schmerz. Rückfälle passieren, wenn der Schmerz zurückkehrt. Die Phoenix-Mechanik in Yeap behandelt Rückschläge nicht als Versagen, sondern als Information. Was ist passiert? Was hat gefehlt? Welche Verbindung war unterbrochen?

KI-gestützte Analyse: Muster erkennen
Die KI in Yeap erkennt Muster in deinem Verhalten. Sie sieht, wann du stärker bist und wann du struggeln würdest. Sie gibt dir Impulse – nicht als Mahnung, sondern als Unterstützung. Wie ein guter Freund, der dich kennt.

Die unbequeme Wahrheit
Johann Haris Botschaft ist zugleich befreiend und herausfordernd.
Befreiend, weil sie zeigt: Du bist nicht kaputt. Deine schlechten Gewohnheiten sind keine Charakterschwäche. Sie sind eine verständliche Reaktion auf fehlende Verbindung.

Herausfordernd, weil die Lösung nicht in einer Pille liegt, nicht in einer App, nicht in einem Life-Hack. Die Lösung liegt darin, echte Verbindungen aufzubauen – zu dir selbst, zu anderen Menschen, zu sinnvollen Werten, zur Natur, zu einer hoffnungsvollen Zukunft.
Das ist keine schnelle Lösung. Es ist ein Weg. Aber es ist ein Weg, der funktioniert.


Der erste Schritt

In seinem TED-Talk sagt Johann Hari:

«Hundert Jahre lang haben wir Kriegslieder über Süchtige gesungen. Ich glaube, wir hätten die ganze Zeit Liebeslieder für sie singen sollen.»
Vielleicht ist es an der Zeit, auch dir selbst ein Liebeslied zu singen. Nicht weil du perfekt bist – sondern weil du Verbindung verdienst.
Der erste Schritt muss nicht gross sein. Er kann so klein sein wie: eine Nachricht an jemanden schreiben, den du vermisst. Einen Spaziergang in der Natur machen. Ehrlich aufschreiben, wie es dir wirklich geht.

Verbindung beginnt mit kleinen Schritten. Und kleine Schritte – das können wir.

Literaturhinweis
  • Hari, Johann: Der Welt nicht mehr verbunden: Die wahren Ursachen von Depressionen – und unerwartete Lösungen (Original: Lost Connections). HarperCollins, 2019.
  • Hari, Johann: Drogen: Die Geschichte eines langen Krieges (Original: Chasing the Scream). S. Fischer, 2015.
  • TED-Talk: «Everything You Think You Know About Addiction Is Wrong» – über 62 Millionen Aufrufe auf ted.com
Yeap – Weil echte Veränderung durch Verbindung entsteht.

Entdecke deinen Weg auf yeap.


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