Es gibt Ratschläge, die man hört und sofort wieder vergisst. Und es gibt jene seltenen Weisheiten, die einen nicht mehr loslassen – die sich festsetzen, weil sie etwas Fundamentales berühren. Im Mai 2023 stellte ein 15-jähriger Junge dem damals 92-jährigen Warren Buffett auf der Berkshire Hathaway Aktionärsversammlung eine einfache Frage: Wie vermeidet man Fehler im Leben?
«You should write your obituary and figure out how to live up to it.» – «Du solltest deinen Nachruf schreiben und dann herausfinden, wie du ihm gerecht werden kannst.»
Diese ungewöhnliche Empfehlung mag auf den ersten Blick morbid wirken. Doch sie enthält eine der kraftvollsten Strategien für ein erfülltes Leben, die ich kenne. Und sie zeigt uns, warum Gewohnheiten – die kleinen, täglichen Handlungen – der Schlüssel zu allem sind.
Der Mann hinter dem Zitat
Warren Buffett ist nicht irgendein Ratgeber. Mit einem Vermögen von über 140 Milliarden Dollar gehört er zu den reichsten Menschen der Welt. Doch was ihn wirklich bemerkenswert macht, ist nicht sein Kontostand – es ist die Art, wie er lebt.
Buffett wohnt seit 1958 im selben Haus in Omaha, Nebraska, das er für knapp 31'500 Dollar gekauft hat. Er fährt jeden Morgen bei McDonald's vorbei, um sich ein Frühstück zu holen – und entscheidet je nach Börsenlage, ob er das teurere oder günstigere Menü nimmt. Er trinkt täglich fünf Dosen Coca-Cola und verbringt 80 Prozent seines Arbeitstages mit einer einzigen Tätigkeit: Lesen.
Das ist kein Scherz. Der erfolgreichste Investor aller Zeiten sitzt Tag für Tag in seinem Büro, umgeben von Stapeln aus Geschäftsberichten, Zeitungen und Büchern. Auf die Frage nach seinem Erfolgsgeheimnis antwortete er einmal:
Das ist kein Scherz. Der erfolgreichste Investor aller Zeiten sitzt Tag für Tag in seinem Büro, umgeben von Stapeln aus Geschäftsberichten, Zeitungen und Büchern. Auf die Frage nach seinem Erfolgsgeheimnis antwortete er einmal:
«Ich sitze einfach in meinem Büro und lese den ganzen Tag.»
Die Nachruf-Übung: Vom Ende her denken
Doch zurück zu seinem Rat an den 15-Jährigen. Die Idee, den eigenen Nachruf zu schreiben, ist keine Erfindung Buffetts. In seinem letzten Thanksgiving-Brief an die Berkshire-Aktionäre im November 2025 verwies er auf die Geschichte von Alfred Nobel – dem Erfinder des Dynamits und Stifter des Nobelpreises.
Der Legende nach las Nobel seinen eigenen Nachruf in einer Zeitung, die ihn versehentlich mit seinem verstorbenen Bruder verwechselt hatte. Die Überschrift lautete sinngemäss: «Der Händler des Todes ist tot.» Nobel war erschüttert. Er erkannte, dass sein Erbe in der Geschichte als das eines Mannes verewigt würde, der Zerstörung gebracht hatte. Diese Erkenntnis motivierte ihn, den Nobelpreis zu stiften – um stattdessen für die Förderung von Frieden, Wissenschaft und Literatur in Erinnerung zu bleiben.
«Verlasst euch nicht auf einen Fehler der Zeitungsredaktion. Entscheidet, was euer Nachruf sagen soll – und lebt das Leben, das ihn verdient.» – Warren Buffett
Diese Übung zwingt uns, die wichtigste Frage überhaupt zu stellen: Was zählt wirklich? Nicht in zehn Jahren. Nicht nächste Woche. Sondern am Ende, wenn alles zusammengefasst wird. Die Antwort auf diese Frage verändert alles – vor allem, wie wir unsere Zeit heute verbringen.
Die Macht der täglichen Gewohnheiten
Hier wird es spannend. Denn zwischen dem, was wir in unserem Nachruf stehen haben wollen, und dem, was wir jeden Tag tun, klafft oft eine gewaltige Lücke.
Niemand schreibt in seinen Wunsch-Nachruf: «Er verbrachte täglich drei Stunden mit Social Media» oder «Sie war immer beschäftigt, aber nie wirklich präsent für ihre Familie.» Und doch sind das die Gewohnheiten, die viele von uns pflegen – unbewusst, automatisch, Tag für Tag.
Warren Buffett versteht das besser als die meisten. Seine gesamte Lebensphilosophie basiert auf der Erkenntnis, dass Erfolg – finanzieller wie persönlicher – das Ergebnis kleiner, konsistenter Handlungen ist.
«Wissen akkumuliert sich wie Zinseszins. Lest jeden Tag 500 Seiten. So funktioniert Wissen. Es baut sich auf. Ihr könnt das alle tun, aber ich garantiere euch: Die meisten von euch werden es nicht tun.» – Warren Buffett
Das ist das Paradox der Gewohnheiten: Sie sind einfach zu verstehen, aber schwer umzusetzen. Jeder weiss, dass tägliches Lesen bildet, regelmässige Bewegung gesund hält und bewusste Beziehungspflege glücklich macht. Aber wie viele von uns tun es tatsächlich – jeden Tag, ohne Ausnahme, Jahr für Jahr?
Die Buffett-Formel für den Alltag
Buffetts Tagesablauf mag unspektakulär wirken, aber er ist ein Meisterwerk der Gewohnheitsbildung. Betrachten wir seine Kernroutinen:
Er wacht jeden Morgen um 6:45 Uhr auf und gönnt sich acht Stunden Schlaf. Kein frühes Aufstehen um vier Uhr morgens, kein Schlafmangel als Statussymbol. «Ich habe kein Verlangen, um vier Uhr morgens bei der Arbeit zu sein», sagte er. Stattdessen: Ruhe und Erholung als Fundament für klare Entscheidungen.
Er liest mehrere Zeitungen zum Frühstück – jeden Tag dieselben: Wall Street Journal, Financial Times, New York Times. Diese Routine hält ihn informiert, ohne dass er täglich neu entscheiden muss, was er liest.
Er verbringt den Grossteil seines Tages mit Lesen und Nachdenken. Nicht mit Meetings. Nicht mit E-Mails. Nicht mit Hektik. Sein Büro in Omaha hat keinen Computer auf dem Schreibtisch. Es ist, in seinen eigenen Worten, eher eine Bibliothek als ein traditionelles Büro.
Er geht zwischen 16 und 17 Uhr nach Hause. Jeden Tag. Die Work-Life-Balance ist für ihn keine Phrase, sondern gelebte Praxis. Um 22 Uhr geht er ins Bett, liest noch eine halbe Stunde und schaltet um 22:45 Uhr das Licht aus.
Diese Routinen wirken fast langweilig in ihrer Beständigkeit. Aber genau das ist der Punkt.
Warum Konsistenz alles schlägt
Charlie Munger, Buffetts langjähriger Geschäftspartner, brachte es auf den Punkt: «Weder Warren noch ich sind klug genug, um Entscheidungen ohne Zeit zum Nachdenken zu treffen. Wir treffen tatsächliche Entscheidungen sehr schnell – aber nur, weil wir so viel Zeit darauf verwendet haben, uns durch stilles Sitzen, Lesen und Nachdenken vorzubereiten.»
Das ist das Geheimnis: Die täglichen Gewohnheiten bereiten den Boden für die grossen Entscheidungen. Wer jeden Tag liest, muss nicht erst recherchieren, wenn eine Gelegenheit auftaucht – das Wissen ist bereits da. Wer jeden Tag an seinen Beziehungen arbeitet, steht nicht plötzlich allein da, wenn es darauf ankommt.
«Ich habe nie jemanden gekannt, der im Grunde seines Herzens freundlich war und ohne Freunde gestorben ist. Aber ich habe viele Menschen mit Geld gekannt, die ohne Freunde gestorben sind – einschliesslich ihrer eigenen Familie.» – Warren Buffett
Die Freundlichkeit, von der er spricht, ist keine grosse Geste. Es ist eine tägliche Gewohnheit. Jeden Tag ein wenig freundlicher sein. Jeden Tag ein wenig geduldiger. Jeden Tag ein wenig aufmerksamer für andere.
Das Zinseszins-Prinzip des Lebens
Buffett wurde durch das Konzept des Zinseszinses berühmt – die Idee, dass kleine Gewinne, die reinvestiert werden, über Zeit zu exponentiellen Ergebnissen führen. Was die meisten übersehen: Dieses Prinzip gilt nicht nur für Geld.
Jeden Tag 30 Minuten lesen bedeutet nach einem Jahr über 180 Stunden Wissensaufbau. Jeden Tag 15 Minuten Bewegung bedeutet nach einem Jahr fast 100 Stunden körperlicher Aktivität. Jeden Tag ein echtes Gespräch mit einem geliebten Menschen bedeutet nach einem Jahr hunderte von Momenten der Verbindung.
Aber es funktioniert auch in die andere Richtung. Jeden Tag eine Stunde auf Social Media bedeutet nach einem Jahr über 350 Stunden verlorene Zeit. Jeden Tag eine Mahlzeit zu viel bedeutet nach einem Jahr dutzende zusätzliche Kilos. Jeden Tag ein bisschen mehr Stress ohne Ausgleich bedeutet nach einem Jahr ein erschöpftes Nervensystem.
Die Frage ist nicht, ob wir Gewohnheiten haben. Die Frage ist, ob unsere Gewohnheiten uns zu dem Menschen machen, der wir in unserem Nachruf sein wollen.
Die 5/25-Regel: Fokus als Gewohnheit
Eine von Buffetts weniger bekannten Strategien ist die sogenannte 5/25-Regel. Er empfiehlt, eine Liste mit 25 Zielen oder Aufgaben zu schreiben – und dann die fünf wichtigsten auszuwählen. Die restlichen 20? Die werden nicht etwa zur zweiten Priorität. Sie werden aktiv vermieden.
Buffett erklärt:
Buffett erklärt:
«Alles, was nicht auf eurer Top-5-Liste steht, solltet ihr wie die Pest meiden. Diese Dinge sind gefährlich, weil sie euch wichtig genug erscheinen, um Zeit darauf zu verschwenden – aber sie bringen euch euren eigentlichen Zielen nicht näher.»
Das klingt brutal, aber es ist zutiefst ehrlich. Die meisten von uns scheitern nicht an fehlenden Möglichkeiten. Wir scheitern daran, dass wir zu viele Möglichkeiten verfolgen und keine davon richtig.
Für die Gewohnheitsbildung bedeutet das: Nicht zehn neue Gewohnheiten auf einmal beginnen. Sondern eine. Die eine Gewohnheit, die den grössten Unterschied macht. Die eine, die im Nachruf stehen würde.
Von der Theorie zur Praxis: Gewohnheiten verankern
Wie können wir diese Einsichten praktisch umsetzen? Der erste Schritt ist die Nachruf-Übung selbst. Nimm dir 30 Minuten Zeit. Stelle dir vor, du bist am Ende deines Lebens. Was soll geschrieben werden? Welche Eigenschaften willst du genannt sehen? Welche Beziehungen? Welche Errungenschaften?
Dann frage dich: Welche täglichen Gewohnheiten würden zu diesem Nachruf führen?
Hier zeigt sich oft eine schmerzhafte Diskrepanz. Der gewünschte Nachruf spricht von einem Menschen, der liebevoll, weise, gesund und erfüllt war. Die aktuellen Gewohnheiten erzählen eine andere Geschichte.
Aber – und das ist Buffetts zweite grosse Botschaft – es ist nie zu spät. In seinem letzten Brief schrieb der 95-Jährige: «Macht euch keine Vorwürfe wegen vergangener Fehler – lernt zumindest ein wenig daraus und macht weiter. Es ist nie zu spät, sich zu verbessern. Findet die richtigen Vorbilder und ahmt sie nach.»
Selbst die Idioten können sich ändern, fügte er mit seinem typischen Humor hinzu. Es ist nie zu spät.
Die Rolle der Systeme
Buffett verlässt sich nicht auf Willenskraft. Er verlässt sich auf Systeme und Umgebungen. Sein Büro ist so eingerichtet, dass Lesen die natürliche Tätigkeit ist. Er hat keine Meetings, die ihn ablenken. Er lebt in Omaha, weit weg von der Hektik der Wall Street, um klar denken zu können.
Das ist eine zentrale Erkenntnis für jeden, der Gewohnheiten aufbauen will: Gestalte deine Umgebung so, dass die gewünschte Gewohnheit der Weg des geringsten Widerstands wird. Willenskraft ist begrenzt. Gute Systeme sind es nicht.
Ein Habit-Tracker wie Yeap kann Teil eines solchen Systems sein. Nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeug der Bewusstheit. Er macht sichtbar, ob die täglichen Handlungen mit dem gewünschten Nachruf übereinstimmen – oder ob eine Kurskorrektur nötig ist.
Drei Gewohnheiten, die Buffett empfiehlt
Aus all seinen Ratschlägen lassen sich drei Kerngewohnheiten destillieren, die jeder übernehmen kann:
- Tägliches Lesen. Nicht Scrollen, nicht Skimmen – echtes, tiefes Lesen. Mindestens 30 Minuten pro Tag. Bücher, Artikel, Berichte. Material, das das Denken schärft und das Wissen erweitert.
- Freundlich sein. Nicht als grosse Geste, sondern als tägliche Praxis. In jeder Interaktion ein wenig mehr Geduld, ein wenig mehr Verständnis, ein wenig mehr Wärme. «Behandelt jeden Menschen gleich», schreibt Buffett, «unabhängig von seinem Status.»
- Weniger ausgeben als verdienen. Eine Gewohnheit, die so offensichtlich scheint und doch von so wenigen praktiziert wird. Buffett: «Wenn ihr ein bisschen mehr ausgebt als ihr verdient, habt ihr Schulden. Und die Chancen stehen gut, dass ihr nie wieder aus den Schulden herauskommt.»
Diese drei Gewohnheiten – Lernen, Freundlichkeit, Sparsamkeit – klingen fast zu einfach. Aber genau das macht sie so kraftvoll.
Der Nachruf als Kompass
Kehren wir zum Anfang zurück. Die Nachruf-Übung ist nicht gedacht, um uns mit dem Tod zu konfrontieren. Sie ist gedacht, um uns mit dem Leben zu konfrontieren – mit der Frage, wie wir es leben wollen.
Jeder Tag bietet die Möglichkeit, einen kleinen Schritt in Richtung des gewünschten Nachrufes zu gehen. Jede Gewohnheit, die wir pflegen oder aufgeben, schreibt mit an diesem finalen Text.
Warren Buffett hat fast ein Jahrhundert gelebt, und er lebt immer noch. Mit 95 Jahren geht er weiterhin jeden Tag ins Büro. Er liest. Er denkt nach. Er pflegt seine Beziehungen. Nicht weil er muss, sondern weil er so sein will – weil er genau weiss, was in seinem Nachruf stehen soll.
«Entscheidet, was euer Nachruf sagen soll – und lebt das Leben, das ihn verdient.»
Die Frage ist nicht, ob wir diese Entscheidung treffen. Die Frage ist nur, ob wir sie bewusst treffen – oder ob wir sie dem Zufall überlassen.
Unsere Gewohnheiten schreiben jeden Tag an unserem Nachruf. Die einzige Frage ist: Welche Geschichte erzählen sie?
Du möchtest Gewohnheiten aufbauen, die zu deinem Wunsch-Nachruf führen? Der Yeap Habit Tracker hilft dir dabei, täglich kleine Schritte zu gehen – und sichtbar zu machen, dass Konsistenz tatsächlich den Unterschied macht.